Von Valeria Nowaczyk

Trainingstagebuch: Ena – eine junge PRE-Stute auf ihrem Weg

Berittpferd: PRE-Stute Ena (Namorada)
Zeitraum: Oktober 2024 – März 2025

Manche Pferde kommen leise.
Andere kommen mit Präsenz.
Ena kam mit beidem.

Eine junge PRE-Stute aus der Schweiz, klug, wach, voller Energie – und noch ganz am Anfang ihrer Ausbildung. Über die Empfehlung einer lieben Trainerkollegin fand sie ihren Weg zu mir. Ihre Besitzerin hatte Ena selbst mit Unterstützung angeritten und mit viel Engagement begleitet, bis ein Reitunfall sie zu einer längeren Pause zwang. Für Ena bedeutete das: vier Monate Beritt für ihre Weiterentwicklung – und Zeit, in Ruhe anzukommen.

Oktober 2024 – Ankommen, Orientierung & Vertrauen

Schon beim Ausladen zeigte Ena, wie sie tickt: selbstbewusst, überlegt, eigenständig.
Sie blieb vor der Rampe des LKW stehen und nahm sich Zeit. Kein Drama, kein Stress – nur ein klares „Ich schaue mir das erst mal an.“
Mit Ruhe und Geduld stieg sie schließlich aus.

In den ersten Tagen ging es nicht um Leistung, sondern um Orientierung.
Führtraining, Raumzuweisung, erste Kommunikationsübungen. Ena war neugierig, aber sehr distanzlos, fordernd, schnell abgelenkt und leicht hektisch. Nie böse – aber sehr klar in ihrer Meinung.

Ihr Gangbild zeigte früh ihre Baustellen:
eine deutliche Schiefe, wenig Gleichgewicht, ein unsicherer Galopp. Sie trug Kopf und Hals gern hoch, schob stark über die Vorhand und fiel besonders rechts immer wieder auf die Schulter.

Im Alltag fiel besonders das Halftern auf:
Mal ließ sie sich problemlos halftern, mal machte sie ein kleines Spiel daraus. Leckerli abholen ja – Halfter? Nein danke.
Also begann ihr Training genau dort: halftern üben. Ohne Hinterherlaufen, ohne Streitereien.
Stattdessen kleinschrittiges Lernen: Annähern, Leckerli und Kraulen und wieder weggehen, Erwartungen senken und oft wiederholen
Das Training begann also – wie so oft – lange vor dem eigentlichen Training.
Der alltägliche Umgang ist mir besonders wichtig. Ich möchte keinem Pferd hinterherjagen müssen um es zu halftern. Meist ist es ein reines Kommunikationsproblem.

Schon bald lernte Ena, ruhig stehen zu bleiben, zu warten, sich in Ruhe halftern zu lassen und später sogar selbstständig ins Halfter und in die Trense zu schlüpfen.

Die ersten Ritte bestätigten den Eindruck vom Boden:
Ena war zwar lenk- und bremsbar, aber massiv schief. So sehr, dass sich sogar die Steigbügel ungleich anfühlten. Der Sattel rutschte, da ihr Rumpf stark nach rechts kippte.
Ena zeigte während des erstens Rittes, dass sie sich fest machte, drohte zu steigen oder nach dem Schenkel trat sobald man etwas von ihr „verlangte“. Nicht aus Vorsatz – sondern aus Überforderung. Sie hatte es schlicht nicht gelernt. Besonders zeigte sich dieses Verhaltensmuster nach der ersten Pause im Stehen am langen Zügel.

Meine Antwort darauf war eben so klar und ruhig:
Stehenbleiben führte nicht zum Ende der Arbeit, sondern danach in ein klares, vorwärts gerichtetes Weitergehen. Ohne Strafe, ohne Druck – aber mit eindeutiger Erwartung.
Dieses Verhalten zeigte sie nach den ersten Einheiten nie wieder.
Im Gegenteil Ena wurde energetischer und lauffreudiger von Mal zu Mal.

November 2024 – Balance finden & Vertrauen wachsen lassen

Im Gelände zeigte Ena eine ganz andere Seite:
souverän, mutig, gelassen – ob allein oder in Begleitung. Auch im Galopp blieb sie ruhig und regulierbar. Im Geradeaus muss man auch nicht so stark seine Schiefe ausgleichen.

An der Hand arbeiteten wir daher weiter an ihrer Schiefe. Schulterherein, Konterschulterherein, erste Traversalverschiebungen. Sie lernte, ihre Schultern besser zu bewegen und sich selbst auszubalancieren.

Ein Gebisswechsel brachte Ruhe ins sehr aktive Maul.
Auch an der Longe wurde die Arbeit gezielter: Geraden, Ecken, Übergänge – alles mit dem Ziel, mehr Körpergefühl und Stabilität zu entwickeln.

Nebenbei veränderte sich auch ihr Körper sichtbar:
Wassereinlagerungen gingen zurück, übermäßige Fettpolster wurden weniger.

Im Alltag wurde sie kooperativer, ließ sich mit dem Schlauch abspritzen und kam immer öfter freiwillig zur Begrüßung.

Dezember 2024 – Bewegungsmuster neu schreiben

Der Dezember stand unter einem großen Thema: Geduld.

Ena hatte klare, fest verankerte Bewegungsmuster:
starke Aufrichtung, hängender Rumpf, wenig Tragfähigkeit.
Solche Muster verschwinden nicht – sie müssen bewusst und immer wieder überschrieben werden.

Ich sage oft: Ein Pferd gibt den Weg vor, nicht der Trainingsplan.

Was Ena brauchte, war keine stärkere Einwirkung, sondern mehr Stabilität, mehr Wiederholung, mehr Ruhe.

Ein weiterer zusätzlicher Baustein war das Anhängertraining.
Ruhig, kleinschrittig, ohne Stress.
Anfangs zeigte sie ihre innere Anspannung – ging hinein, kam hektisch rückwärts heraus.
Mit Wiederholungen, klarer Struktur und begleitender Bewegung wurde sie sicherer.
Am Ende stieg sie selbstständig in Ruhe ein und aus.

Januar 2025 – Festigen & neue Erkenntnisse

Ena festigte Erlerntes und entwickelte sich weiter – an der Hand, an der Longe und unter dem Sattel.
Gleichzeitig zeigte sich immer deutlicher: Der Sattel passte nicht.

Druckstellen, ein ungutes Sitzgefühl – trotz Anpassung keine Verbesserung.
Ein Testsattel von MySattel brachte sofort Veränderung: freieres Gangbild, keine Abdrücke im Rücken.

Da Ena aus der Schweiz kommt, war eine langfristige Lösung zunächst offen. Trotzdem vereinbarten wir ein Probereiten im März. Bis dahin arbeitete Ena weiter im Modell Corazon – und blühte auf.

Sie verlängerte den Hals, suchte Kontakt, wurde gleichmäßiger im Takt, ruhiger im Kopf, stabiler und balancierter.
Freilaufen oder Longieren vor dem Reiten half ihr, überschüssige Energie abzubauen um anschließend in Ruhe fokussiert zu arbeiten.

Februar 2025 – Tragfähigkeit & Freude an der Arbeit

Ena arbeitete motiviert und mit sichtbarer Freude.
Sie zeigte Talent für Freiarbeit, ließ den Hals fallen, begann sich aufzurichten – ohne zu stauchen.

Unter dem Sattel beherrschte sie alle Seitengänge im Schritt, zeigte Übergänge im Schulterherein und Konterschulterherein im Trab und ließ sich fein über den Sitz regulieren.

Der Galopp wurde runder und stabiler.
Links sicher, rechts mit Vorbereitung ebenfalls zunehmend ausbalanciert.
Das Gefühl ungleicher Steigbügel war nahezu verschwunden.

Auch im Freilauf fiel sie kaum noch in den Kreuzgalopp – und korrigierte sich teilweise selbst.

Alleine ausreiten wurde zur Freude. So sehr, dass sogar ein weiteres Berittpferd als Handpferd mitkommen konnte.

März 2025 – Übergabe & Abschied

Anfang März kam Enas Besitzerin für eine gemeinsame Woche.
Eine intensive, schöne Zeit – geprägt von Lernen, Verstehen und Vertrauen.

Der Vergleich alter Sattel vs. Testsattel sprach für sich.
Beim Probereiten mit MySattel wurde ein passendes Modell gefunden.
Ena bewegte sich frei, klar und zufrieden – die Entscheidung fiel leicht.

In den gemeinsamen Einheiten zeigte ich was Ena gelernt hatte und arbeitete mit der Besitzerin an der Hand, an der Longe und im Sattel.
Es war berührend zu sehen, wie viel Sicherheit Ena ihrer Besitzerin schenken konnte.

Am Abreisetag stieg Ena dank der Vorbereitung ruhig und gelassen in den LKW, als wäre es das normalste der Welt.
Bereit mit ihrer Besitzerin noch viele wundervolle Jahre zu verbringen

Danke.

Danke, Ena.
Für deine Neugier, deine Energie, deine Sensibilität – und jedes Stück Vertrauen.

Danke, Jacqueline.
Für dein Vertrauen in meine Arbeit und deine Bereitschaft, wirklich hinzuschauen.

Du möchtest mehr über meine Arbeit mit Berittpferden lesen?
Dann entdecke auch die Geschichten von Granada und Samara – zwei Stuten, deren Wege ganz unterschiedlich waren und doch eines gemeinsam hatten: Entwicklung braucht Zeit.

Vielen Dank für dein Interesse

Deine Valeria

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